Der Auftrag

Einsam klang das Surren der Turbine in der blauen Weite, gelegent-
lich durchbrochen von einem rasselnden Atemzug durch seine
Sauerstoffmaske, die ihn hier unten am Leben erhielt.
Hier unten.
Der Gedanke hallte ihm durch den Kopf, wurde von dessen
Wänden zurückgeworfen und mit jedem Mal lauter reflektiert.
Kannte er denn etwas anderes? Ab und zu zogen einige Lichtstrei-
fen an ihm vorbei, nur um ihn an die sonst zu dunkle Atmosphäre
zu erinnern, die die eisige Tiefe mit sich brachte. Als er zur fernen
Oberfläche aufblickte, versank er in Gedanken. Er wusste, dass was
er tat, falsch war und einen kurzen Moment zog er in Erwägung,
umzukehren. Doch dann dachte er wieder klarer und wusste, dass
er weitermusste. Er hatte so oder so keine Wahl. Seit jeher hatte er
diesen Gedanken, immer kurz bevor es soweit war. Bis die Pflicht
ruft. Und da sah er sie, verschwommen in der Ferne ragte eine Rei-
he von Türmen auf, bewehrt mit Geschützen, die auf jeden Feind
das Feuer eröffnen würden, sobald er in ihre Nähe kam. Sein Kopf
leerte sich schlagartig, nun waren seine Gedanken nur noch darauf
gerichtet, sein Ziel zu erreichen. Als er sich den Türmen auf etwa
zehn Meter genähert hatte, brachte er die Turbine an seinem Rü-
cken zum Stillstand und öffnete die Scharniere seines Anzugs. Er
wusste, was er zu tun hatte. Einige Sekunden lang sog er noch die
verbleibende Luft in der Sauerstoffflasche ein und genoss ihre Fri-
sche, dann befestigte er ein paar Nagelpistolen an seinem Stoffgür-
tel und ließ das kalte Wasser in seinen Anzug laufen. Als er ihn ab-
warf und so schnell wie möglich zu schwimmen begann, wäre jeder
andere bereits todgeweiht. Doch nicht er. Das Neopren schützte
ihn vor der Kälte und er war ein schneller Schwimmer. Als er die
Türme passiert hatte, erblickte er bereits den gewaltigen Haupt-
bau, einen riesigen Kasten aus Stahl und wasserfestem Beton. Als
die Schleuse, die den Haupteingang bildete, sich öffnete und ein
kleines U-Boot das Gebäude verließ, hielt er sich am schlammigen
Meeresboden, um nicht gesehen zu werden. Als seine Lungen
schier zu bersten schienen, wusste er, dass er die Luft nicht länger
anhalten konnte. Doch alles war perfekt geplant, und so durch-
brach sein Kopf genau rechtzeitig die Wasseroberfläche, kurz be-
vor sich die Schleuse hinter ihm schloss. Keuchend zog er sich aus
dem Wasser, der durchnässte Neoprenanzug fühlte sich plötzlich
warm an. Zunächst noch torkelnd, doch immer sicherer werdenden
Schrittes stapfte er zur Tür und betrat den Raum dahinter. Fast die
ganze Mannschaft der Basis hatte sich hier versammelt, unterhielt
sich fröhlich beim Mittagessen, während kleine Putzroboter den
Boden von Essensresten säuberten. Niemand sah ihn kommen und
umso größer war ihr Schreck, als sie ihn sahen, eine Nagelpistole in
jeder Hand. Niemand war mehr in der Lage zu fliehen, denn jeder
Schuss war präzise, traf Herz, Stirn oder Hals und nach wenigen
Sekunden breiteten sich Blutlachen auf dem Boden aus und er war
das einzige lebende Wesen im Raum. Die Putzroboter arbeiteten
ungestört weiter. Nun öffnete er eine weitere Seitentür, ging einen
schmalen Gang entlang und betrat das Kontrollzentrum, doch
niemand war dort, um ihn aufzuhalten, und selbst wenn, hätte
das auch keinen Unterschied mehr gemacht. Lächelnd ging er zum
Tisch in der Mitte des Raumes und nahm den USB-Stick, der darauf
lag. Er wusste, dass was er getan hatte, die Welt durcheinander-
bringen würde, doch für diese Informationen, oder was auch immer
auf dem Stick gespeichert war, würde er gut bezahlt werden.

Magazin Federkiel Ausgabe 1, Richard

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