Die Brüder

Goldfische, die, erinnernd an große, fette orangene Sonnen, förm-
lich durch das große Aquarium zu schweben schienen. Mit ihren
Kiemen filterten sie das bereits trübe Wasser, in dem die abgenag-
ten Stücke der Dekorationspflanzen wie grüne Schneeflocken
he­rumgaukelten. Träges Stimmengewirr, das das Restaurant mit
Leben, die Leere zusammen mit den menschlichen Leibern füllte,
welche, gelenkt vom Verstand ihrer Köpfe, das Leben auf eine Art
zelebrierten, wie es für ihre Spezies üblich war. Hätte man Aufmerk-
samkeit eingefärbt, so hätte es anstelle der Kronleuchter an der
Decke lauter schimmernde Lichter gegeben, die sich in pulsieren-
den Kreisen um die Tische aufhielten, die dem Weg des Kellners wie
der Schweif einem Kometen folgten. Zwischen den Tischen, dort,
wo keine Leute mit Tabletts, gekleidet in Livrees, ihre Schritte tätig-
ten, herrschte Dunkelheit. Würde Dunkelheit herrschen. Wenn es
diese Lichter gäbe. Doch so füllte der warme goldgelbe Schein der
prunkvollen Kronleuchter jeden Winkel, ließ die Weingläser, das
Silberbesteck schimmern, glänzen in ihrer polierten Pracht. „Und
unser Hund, Mr. Jankins, eine treue Seele, er-“ „Wie laufen die Ge-
schäfte, Pete?“ „Morgen nicht, nein.“, Gesprächsfetzen, deren Beto-
nung, deren Worte mit der Zeit die Luft erwärmten. Frauen fächel-
ten sich Luft zu, Männer zupften unruhig an ihren Hemden. Das
Ambiente sollte an eine Mischung aus Luxus und Heimeligkeit er-
innern, alles aus Holz, wie in einer Blockhütte, doch die kreisrun-
den Tische waren bedeckt mit Stofftischdecken und die Kronleuch-
ter hingen zwischen den Deckenbalken, erinnerten daran, wie teu-
er hier alles war. Auf einem dieser Balken, fern von all dem
Auf­­merksamkeitslicht, ließen zwei Gestalten die Beine baumeln.
Sie waren winzig, nicht größer als der Arm eines Kindes. Zwei kleine
Männer, deren schwarzes Haar so kraus war, dass es ein wenig an
Löwenmähnen erinnerte. Ihre Kleidung war abgerissen. Mehr als
das. Doch es war ihnen egal. Schnaubend machte der eine eine
ruckartige Kopfbewegung, versuchte, mit seinem spitzen Kinn die
Gesamtsituation zu umfassen. „Sieh sie dir an, Bruder.“ „Ja, Bruder.“
Sie waren keine Brüder. Sie mochten lediglich den Klang des Wor-
tes. Sie lasen die Zeitungen, die sie in den Mülltonnen fanden. Und
die Schlagzeile „BRUDER THOMAS BEICHTET DIEBSTAHL DES MESS-
WEINS“ hatte ihnen besonders gut gefallen. Sie mochten Diebstahl.
Und Alkohol. Außerdem hieß ein Cousin vierten Grades mütterli-
cherseits Thomas. „Sieh sie dir an, Bruder!“ sagte der eine nochmal,
seine heisere Stimme stolperte über jedes Wort. „Erbärmlich!“ „Er-
bärmlich, Bruder.“, echote sein Nicht-Bruder, nickte bestätigend. Er
redete nicht viel. Meistens stimmte er nur zu. Damit hatte er die
beste Erfahrung gemacht. „Sieh nur, was sie in sich reinstopfen! Ka-
viar! Tse!“ Der kleine Mann spuckte aus, traf in das Weinglas eines
im Anzug gekleideten Mannes. Dieser Mann hieß Steve und war An-
walt. Am nächsten Morgen würde er wegen Durchfall einen wichti-
gen Termin absagen müssen. „Kaviar ist böse!“ Der Mann sprach es
mit so fester Überzeugung, dass sein Kumpane doppelt so lange
nickte wie sonst. Sicherheitshalber. „Und sie essen einfach nichts,
was wirklich … gut ist!“ Nun klang er beinahe verzweifelt. Fluchend
rieb sich der Mann die Stirn. „Verdammt sollen sie sein, was, Bru-
der?“ „Ja, Bruder. Verdammt.“ „Ganz genau.“ Schweigen. Das Wirr-
warr an Gesprächen gab dem einen die Zeit, seinen miss­mutigen
Blick auf etwas anderes zu richten. Auf einen Glaskasten in der ei-
nen Ecke des Restaurants. Das Aquarium. „Und sieh mal: Sie haben
jetzt Fische.“ Spott. Langsam richtete er sich auf, schritt mit hinter
dem Rücken verschränkten Armen auf dem Balken auf und ab. „Sie
haben Fische, Bruder!“ „Ja, Bruder. Fische, Bruder.“ „Wie können sie
nur! Fische! Verdammt sollen sie sein!“ Er streckte sich. „Die Fische.
Und die … Menschen.“ „Ja, Bruder. Fische und Menschen. Ver-
dammt.“ „Ich hasse sie.“ „Ja, Bruder.“ „Ich verabscheue sie!“ „Ich
auch.“ „Das solltest du auch!“ „Ja, Bruder.“ Stille. Schweigen. Die
zwei Gestalten auf dem Dachbalken beobachteten wieder die Men-
ge. Der Stillere der beiden fragte sich, warum sie schon seit Jahren
jedes Mal abends kamen, um diese Massen zu beobachten, wenn
sein Freund sich doch sowieso nur beschwerte. Doch er fragte
nicht. Es verstieß gegen sein Prinzip des Rechtgebens. „Weißt du,
was ich denke, Bruder?“ „Was denn, Bruder?“ „Ich denke, dass wir
einen der Fische stehlen sollten.“ „Ja, Bruder.“ „Ich wollte schon im-
mer einen. Einen Fisch.“ „Ja, Bruder.“ „Und es würde die Leute är-
gern.“ „Ja, Bruder.“ „Und den Fisch.“ „Ja Bruder.“ „Weil er dann doch
einsam ist.“ „Ja, Bruder.“ Dass Fische ohne Wasser nicht leben konn-
ten, erwähnte er nicht. Sonst hätte er etwas entgegen seines Prin-
zips sagen müssen. „Also los.“ Der Mann rieb sich die Hände, sprang
mit einem Satz auf den Fußboden, ein dumpfes Geräusch entstand,
als seine klobigen Stiefel auf dem polierten Holz aufkamen. Nie-
mand achtete auf ihn. Er bewegte sich außerhalb des Aufmerksam-
keitslichts. Unsicher folgte ihm sein Kumpan. Seine Hände zitter-
ten. Er hatte Angst vor Wasser. Er konnte nicht schwimmen. Als sie
auf die Kommode kletterten, sich nun auf Höhe mit dem Rand des
Beckens befanden, lachte sein Kumpane dreckig, schwang sich
hoch, sodass er rittlings auf dem Rand des Aquariums saß. „Komm,
Bruder.“ Stille. „Ja, Bruder.“ Kaltes Wasser, in das seine Stiefel tauch-
ten, er erschauerte. Doch er widersprach nicht. Er hatte ein Prinzip.
„Welchen willst du?“ „Bruder?“ „Welchen willst du haben, Bruder?“
„Ich weiß nicht … Bruder?“ „Was?“ „Ich weiß es nicht.“ „Warum
nicht?“ Ein Schnauben. Ein Kopf­nicken. „Such dir einen aus.“ Zö-
gern. „Den da.“ Er deutete blind auf einen. Einen dicken. Großen.
Fast so groß wie er. Der größte. Orangerot wie die sterbende Sonne,
träge Kreise ziehend. Ein Grinsen. „Schnapp ihn, Bruder.“ Schwei-
gen. Zögern. Er konnte nicht schwimmen. Sein Prinzip wurde insta-
bil. Ließ ein Wort des Widerspruchs durch. „Aber …“ „Aber was?“ Stil-
le. „Willst du ihn haben?“ „Ja, Bruder.“ „Willst du ihn holen?“ „Ja,
Bruder.“ „Dann hol ihn.“ Stille. Schweigen. Das Seufzen eines ver-
zweifelten Prinzips. „Ja, Bruder.“ Langsam ließ er sich in das Becken
gleiten. Kalt. Eiskalt. Er erschauerte. Sein Kumpan nickte ihm auf-
munternd zu. „Treib ihn zu mir. Dann zieh ich ihn raus. Ich habe
stärkere Arme.“ „Ja, Bruder.“ Seine schwitzigen Hände lösten sich
von dem kalten Glas. Er stieß sich ab. Segelte auf den Fisch zu. Kraft
der Verzweiflung, als er sich an den goldenen Schuppen festkrallte.
Abglitt. Er ging unter. Der andere Mann legte erstaunt den Kopf
schief, als er sah, wie das Gesicht seines Kumpan sich entsetzt ver-
zog, er in den Fluten des Beckens verschwand und der Fisch einfach
auswich, weiterglitt. „Bruder?“ Keine Antwort. Ein Blubbern. „Bru-
der?“ Nichts. Missmutig starrte er auf die trübe Wasseroberfläche.
Und sprang dann hinein. Sein Blick ein wenig verschwommen, als
er untertauchte. Er konnte schwimmen. Und er wollte den Fisch.
Mit schnellen Griffen packte er das Tier an der Schwanzflosse, igno-
rierte das Gezappel. Mit aller Kraft schleuderte er es aus dem Aqua-
rium. Hinein in das Aufmerksamkeitslicht. Erschrockene Schreie. Er
ignorierte sie. Ihm war es egal. Er wollte den Fisch. Er wollte seinen
Kumpel. Er entdeckte ihn. Niedergesunken auf algenverklebten
Kies. Der kleine Mann packte ihn am Kragen. Wuchtete ihn hoch.
Luftschnappen, als sie an die Wasseroberfläche traten. Husten sei-
nes Kumpels. „Du kannst nicht schwimmen?“ „Ja, Bruder.“ Husten.
„Du bist dumm.“ „Ja, Bruder.“ Stillschweigend zogen sie sich, trie-
fend und nass, am Rand des Beckens hoch. Beobachteten stumm,
wie der Fisch noch ein letztes Mal trübe schimmerte, das Zucken
sein ließ, starb, bevor er, begleitet vom Geschrei der Gäste, in eine
Mülltonne befördert wurde. „Bruder?“ „Ja, Bruder?“ „Du schuldest
mir einen Fisch, Bruder.“ „Ja, Bruder.“ Erleichterung. Aber auch
Angst. Er konnte immer noch nicht schwimmen. „Aber nicht heute,
Bruder.“ „Ja, Bruder, nicht heute, Bruder.“ Tropfend schleppten sie
sich durch die erneut verdunkelnden Winkel zwischen den Kreisen
aus Aufmerksamkeitslicht. Stießen die Tür auf. Kalte Nachtluft, die
sie empfing. Sie verschwanden in den Schatten, in Richtung der
Mülltonnen hinter dem Restaurant. Zeitung lesen. „Bruder?“ „Ja,
Bruder?“ Sein Prinzip knackte gefährlich, während er sich wand,
versuchte, ein bereits überflüssiges Geständnis herauszupressen.
„Ich kann nicht schwimmen, Bruder.“ Der Mann drehte den Kopf.
Aus seiner Kehle drang ein heiseres Lachen, das die Tauben auf den
Dächern aufschreckte. „Ja, Bruder. Du kannst nicht schwimmen.“

Magazin Federkiel Ausgabe 1, Mayara K.

Verwendet für folgendes Produkt des  w ö r t e r k i o s k: tütenheft, bild